Lenkradgeschichten
„Selbsthilfe“
Ruedi Baumann
Kiesbomber
BPZ / Ich wohnte damals in Bülach, einer Neubausiedlung, war frisch verheiratet und fuhr „Kiesbomber“. Diese nicht gerade
schmeichelhafte Bezeichnung verpasste die dortige Bevölkerung den unzähligen Sattelschleppern und Anhängerzügen, die in beinahe
lückenlosen Kolonnen Wandkies von den riesigen Kiesvorkommen im Rheinknie bei Hüntwangen, Weiach, Glattfelden und Windlach nahe
der deutschen Grenze auf Baustellen in und um Zürich karrten. Die Arbeit war gut bezahlt und stellte für mich die rationellste Art
und Weise dar, schnellstmöglich Fahrpraxis sowohl mit Anhängern als auch mit Sattelaufliegern zu bekommen.
Sattelschlepper
waren diesbezüglich einfacher zu fahren als die kurzen Anhängerzüge mit ihren Zweiachs-Anhängern, denn auf vielen Baustellen
musste oft Hunderte von Metern millimetergenau rückwärts gefahren werden. Also vertraute man mir zunächst einen
Scania-Sattelschlepper an. Für die Kiestransporteure lukrativ, bei den Chauffeuren aber verhasst, waren die sogenannten
„Retourfuhren“ mit Aushubmaterial. Der Kubikmeterpreis war nicht überwältigend, ersparte jedoch dem Kies-Transportunternehmer
Leerfahrten – und dem Bauunternehmer die gleiche Anzahl Lastwagen für Aushubtransporte in die mit Schüttmaterial wieder
aufzufüllenden Kiesabbaugebiete.
Weil nasser Aushub und Lehm ein recht „anhängliches“ Transportgut darstellt, frischer
Kies aber ohne Verunreinigung am Bestimmungsort abgeliefert werden musste, bedeutete das in jedem Fall ein mühsames Reinigen der
Ladebrücke mit Kratzer und Schaufel nach dem Kippen. Oftmals waren Beladungsorte und Abladeziele für Aushub und Wandkies
unterschiedlich, was wiederum bei den damaligen, nicht üppig motorisierten Lastwagen eine zeitraubende, mit Umwegen verbundene
Angelegenheit war. Gefahren wurde nämlich im Akkordsystem, bei welchem nur die Kiesfuhren zählten. Versenkt
Es war kurz vor der Mittagszeit, als ich mich mit einer Aushubfuhre vor die Wahl gestellt sah, entweder noch vor dem
Mittagessen in der Ebene vor Bülach den Aushub in einer verlassenen Grube zu kippen – oder pünktlich zum Essen in Bülach
einzutreffen. Letzteres jedoch mit der Auflage, dieselbe Strecke nach dem Mittagessen zweimal fahren zu müssen. Ich entschied mich
(leider) für das Kippen vor dem Mittagessen.
Als Neuling besass ich noch nicht die Fähigkeit, anhand von geringen
Farbschattierungen unsicheren Boden von tragfähigem Untergrund zu unterscheiden. Fazit: nach einer kurzen Fahrstrecke in der Grube
sackte der Sattelschlepper ab. Aber gleich richtig. Da halfen weder Fahrtricks noch Differentialsperre, ich hatte den Karren mit
allen Rädern und seinen einundzwanzig Tonnen Lebendgewicht so gründlich versenkt, als wäre er die ganzen vergangenen Jahre schon
dort gewesen.
Die intelligenteste Lösung wäre nun gewesen, in der Grube zu warten, bis nach der Mittagszeit die ersten
Lastwagen eintreffen würden. Die hätten mich problemlos aus sicherer Distanz mit Drahtseilen aus dem Dreck ziehen können. Aber
nein, ich wollte nicht der Grund für fremde Schadenfreude sein und beging natürlich die Dümmste aller Dummheiten.
Zunächst
gedachte ich den Aushub auf der Ladebrücke loszuwerden. Ich Schwachkopf dachte, dank dem geringeren Gewicht das Fahrzeug
anschliessend wieder problemlos flott zu kriegen.
Heckklappe geöffnet, Kipperpumpe ein, schön brav stieg die Kippbrücke in
ihrer ganzen erhabenen Länge nach oben. Mit einem Ruck, begleitet von einem Seufzen, rutschten die zwölf Tonnen lehmige
Aushubmasse nach unten – und blieben zu einem Drittel am Boden liegen und zu zwei Dritteln in der Kippbrücke stecken. Nun wollte
auch die Kippbrücke trotz geöffnetem Hahn nicht mehr nach unten, zudem begann sie sich bedrohlich zur Seite zu neigen.
Da
ich aus Erzählungen der Chauffeure wusste, dass man auf diese Weise in Rekordzeit den Lastwagen plus Auflieger in einen
Totalschaden verwandeln konnte, schaufelte und hackte ich wie ein Irrer, um Raum für nachrutschendes Material zu schaffen.
Vergeblich. Immer mehr nahm die Seitenlage zu. Wie ein Affe kletterte ich der Brücke entlang nach oben, um die Hebelverschlüsse
der Seitenwand zu öffnen, bevor sich die Brücke so sehr zur Seite neigen konnte, dass es den Auflieger umlegte. Das Vorhaben
gelang. Der Druck des Materials auf die Seitenwand war indes dermassen stark, dass es mich beim Öffnen rund zehn Meter weit
rücklings in den Dreck katapultierte.
Immerhin war nun die grösste Gefahr gebannt, aber in der Zwischenzeit waren die Räder
noch tiefer eingesunken. Da erblickte ich in einiger Entfernung einen abgestellten Allis-Chalmers-Trax derselben Firma, der mein
Lastwagen gehörte. Die Elektrokabel zum Anlasser zu überbrücken, war keine grosse Sache, brav sprang der Diesel an. Ab jetzt
konnte das Freiräumen des festsitzenden Aushubmaterials maschinell stattfinden. Bereits nach den ersten Schaufeln trat der Erfolg
einer sich nun endlich senkenden Kipperbrücke ein.
Erneuter misslungener Versuch mit den Antriebsrädern. Aber wozu führen
Kipplastwagen ein solides Abschleppseil an Bord? Drahtseil zwischen Lastwagen und Trax eingeklinkt, schön langsam mit dem Trax
angezogen – Sense. Ohne den festsitzenden Lastwagen nur einen Zentimeter bewegen zu können, drehten die Raupen im nassen Dreck
hilflos durch. Beinahe hätte ich auch noch den Trax versenkt.
Dann halt mit brachialer Gewalt, dachte ich, setzte mit dem
Trax etwas zurück, um das Drahtseil lose durchhängen zu lassen, um mit dem gewaltigen Ruck des plötzlich gestrafften Seiles die
Fuhre frei zu bekommen. Das mit einem sirrenden Peitschknall entzweigerissene Drahtseil hätte mich um ein Haar geköpft.
So ging es also auch nicht. Mit dem Trax von hinten den Lastwagen anzuschieben, war ebenfalls nicht vom Erfolg gekrönt, worauf ich
eine weitere glorreiche Idee ausbrütete: Lastwagen und Trax sollten gemeinsam tätig werden!
Also ersten Gang beim Lastwagen
eingelegt, das Handgas gezogen, wacker drehten die Antriebsräder an Ort und Stelle, ich zurückgespurtet in den Trax und von hinten
angeschoben was das Zeug hält. Endlich der ersehnte Erfolg! Die Räder des Lastwagens begannen zu packen, befreiten das Gefährt aus
seiner Umklammerung, ein letzter Stoss mit dem Trax und das Vehikel setzte sich, immer schneller werdend, in Bewegung. Natürlich
ohne mich.
Der führerlose Lastwagen peilte zielsicher und auf hinterhältige Weise die Deponiehalde, einen rund zwanzig
Meter tiefen Abgrund, an. Kurz vor dem Abgrund erreichte ich den Ausreisser, hechtete kopfüber in die Kabine, konnte nur noch mit
der rechten Hand auf das Bremspedal hauen, worauf es den Motor abwürgte und das Fuhrwerk einen knappen Meter von dem Abgrund zum
Stillstand kam.
Weil ich in Windeseile dem Lastwagen nachspurten musste, verblieb keine Zeit, den Trax vorher zum
Stillstand zu bringen. Ich war einfach von der zwar langsam, aber immerhin fahrenden Maschine gesprungen. Die machte sich
inzwischen zielstrebig daran, mit bollerndem Auspuff das an die Grube grenzende Wiesland eigenhändig zu erforschen.
Glücklicherweise erwischte ich nach einem weiteren Sprint quer durch die Grube auch dieses Vehikel noch rechtzeitig.
Als
der Trax wieder abgestellt, die Kipperbrücke gesäubert und ich am Verlassen der Grube war, trafen die ersten Lastwagen ein. Deren
Chauffeure kamen vom verdienten Mittagessen. Ich hätte mir also das ganze Affentheater ersparen können. Die Fahrer betitelten mich
zudem als „Streber“, weil sie annahmen, ich hätte meine Mittagszeit abgekürzt um mich bei der Firmenleitung beliebt zu machen.
Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, war die Tatsache, dass ein Mitglied der Geschäftsleitung aus seinem Haus
auf der Anhöhe meine Glanzvorstellung in der Grube mit dem Feldstecher verfolgt hatte. Als ich am Abend auf das Firmengelände
kurvte, wusste bereits die ganze Belegschaft von meiner „Vorstellung“.
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